Ich, Michael Siegel, möchte zuerst den Begriff "negativ split" erläutern und anschließend auf meine Neuinterpretation eingehen. Eines vorab: Es handelt sich hier um meine Gefühlslage und beschreibt ausschließlich meinen subjektiven Eindruck. Bitte keinen Bezug nehmen auf eure individuelle Leistung.

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In der Läuferblase wird von einem negativen Split gesprochen, wenn die erste hälfte des Rennens langsamer läuft als die zweite Hälfte des Rennen, sich also nach hinten heraus steigert. Die Zeit geht nach unten und wird somit negativ. Bei einem Marathon wird in der Regel von 5 Kilometer Splits gesprochen. Soweit die Theorie. 
Nun mein Interpretation beschrieben. Ich wollte gern noch eine Sub 3 h auf einen flachen Marathon laufen, um eine stabile Zeit für die Qualifikation zum Boston Marathon zur erreichen. Somit hat es sich angeboten nach Ostern, beim Hannover Marathon an den Start zu gehen. Gleichzeitig war es auch die Deutsche Meisterschaft im Marathon. Das wollte ich dann auch einfach mal miterleben. Ein paar Monate zuvor bin ich in Nizza knapp über den 3 h geblieben und da waren die Bedingungen deutlich schwerer für mich zzgl. einiger Höhenmeter. Ich war frohen Mutes das zu schaffen, auch wenn die 3 Wochen vor dem Lauf eher nicht liefen aus gesundheitlichen Gründen. Egal - wird schon werden. 
Als DM-Teilnehmer durfte ich auch im ersten Startblock antreten, da dort nur die Bruttozeit zählt - nicht das ich eine Chance hätte im deutschen Vergleich. War schon cool so weit vorn zu starten und die ersten 200 m sehr viel freie Bahn zu haben. Ich fühlte mich soweit so gut für eine Pace von 4:15. Auf den ersten Kilometern war ich tatsächlich etwas zu schnell, jedoch frohen Mutes meine Pace zu finden. Dabei hat sich ein Denkfehler herausgestellt! Auf den ersten 10 Kilometern wurde ich nur überholt und das mit < 4:15 Pace. Da fing das Grübeln an: Wann brechen die alle ein?, Was mach ich hier?, Schei*e bin ich schlecht, aber schneller Laufen macht auch kein Sinn!, Wie viele kommen da noch? Warum werde ich bei Kilometer 15 immer noch überholt? Das war echt nicht schön und kannte ich bislang auch nicht. Keiner ist so wirklich meine 4:15 mitgegangen und hat sich auch keinen Gruppe gebildet. Ich war irgendwie verloren im Niemandsland des DM-Marathon, aber es lief irgendwie... bis zum Halbmarathon! Plötzlich kamen meine gesundheitlichen Schwierigkeiten wieder und das wurde zur Belastung. Zuerst hatte ich die Zeit erhöht für jeden Kilometern bis Verpflegungsstelle 25 km. Aufhören? Ja? Nein? ... Probieren solang es geht, aber langsamer.. Meine persönliche Betreuung an der Strecke hat mich immer wieder aufgebaut und auch mit gelitten. Wieder anhalten, gehen, wieder probieren, noch etwas langsamer machen. Von 5:30 auf 6:30, wieder gehen, wieder trinken, Grübeln, Ja? Nein? Vielleicht... Dann der Entschluss: hab es bezahlt und bin bis hier her gefahren. Die 10 Kilometer schaffe ich noch irgendwie und die Medaille hole ich mir - Egal wie! Es wurde immer alles schlimmer. Bei jeder Verpflegungsstelle habe ich aufgetankt und dann versucht weiterzulaufen. Es wurde nichts mehr mein Körper hatte das Laufen aufgegeben, es wurde kühler. Der 3h-Pacer kam vorbei, dann irgendwann auch der 3:30h-Pacer. Und ich?! Ich konnte nur noch spazieren gehen. Alle liefen an mir vorbei. Gut! Auch andere um mich herum hatten auch ihre Sorgen und Probleme, aber die kamen irgendwann wieder vorwärts. Die Anfeuerungen und der Zuspruch waren bemerkenswert, aber haben mir ausreichende Kraft mehr gegeben für einen ordentlichen Zieleinlauf.
Meine Splits wurden immer negativer im Bezug auf das Erleben und Erfahren = "negativ split".
Ja, ich bin mit 3:38 Stunden ins Ziel gekommen und für die Zeit trainieren viele Läufer hart und lang und manche erreichen das wohl nie - das ist mir als Trainer und Läufer sehr wohl bewusst, aber es ist nicht das wofür ich angetreten bin und was ich erreichen wollte und im Stande bin zu Leisten. Ungeachtet meiner Gefühle, ist der Marathon in Hannover echt MEGA. Der Verlauf, die Stimmung, die Jahreszeit und die Bedingungen waren einfach nur GROßARTIG. Dort wo ich es genießen konnte, habe ich es auch. Daher bleibt die zwei Seiten der Finisher-Medaille. Meine erste negative Erfahrung bei einem Marathon und eine wunderbare Veranstaltung mit DM-Teilnahme.
Danke an die beste Unterstützung am Streckenrand - Lotta! Sie ist über 15 Kilometer durch die Stadt geflitzt und auch so machen Strechenabschnitt mit mir spazieren gewesen. Mitgefiebert, mit gelitten und mit die Erfahrung geteilt. DANKE.

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